Fast in jeder zweiten Talkerunde, die sich mit dem Krieg in der Ukraine befasst, wird das Monumentalwerk von Christopher Clark „Die Schlafwandler“ über die Entstehung des 1. Weltkriegs zitiert. „Stolpern wir wie die Schlafwandler nun wieder in eine Katastrophe wie einst in den ersten Weltkrieg“, so – in Variationen – wird das Thema dann angegangen und man meint nun, die geschichtlichen Parallelen zu sehen und daraus entsprechende Lehren ziehen zu können. Ist das so?. Kann man diese Parallelen ziehen? Das will ich mir (und dir) ein bisschen klar machen. Das Buch habe ich schon sehr, sehr lange in meinem eBook-Reader und habe mich fast ebenso lange davor gefürchtet, es zu lesen. Das lag aber nicht zu sehr an seinem Furcht einflößenden Umfang sondern eher noch daran, dass die Erkenntnisse daraus, mir Furcht vor der Zukunft einflößen könnten.
Woher diese doch recht abstrakte Furcht kam, kann ich heute nicht mehr aufklären: waren es die verschiedensten kriegerischen Auseinandersetzung vom Nahen Osten bis hin in den Kaukasus oder die noch nicht sehr weit zurückliegenden Bürgerkriege auf dem Balkan (mit unserer Beteiligung) oder war es der schon aktuelle Bürgerkrieg in Syrien oder die verschiedenen kriegerischen Aktionen Russlands in Tschetschenien, Georgien, Armenien, Moldawien oder gar die Krim-Annektion, die mich davor zurückschrecken ließ, tiefere Erkenntnisse in der Kriegsentstehung zu gewinnen? Kopf in den Sand, dann wird schon nichts passieren!
Irgendwann habe ich dann aber doch diese schwer erklärbare Hemmschwelle überwunden und begann, das Buch zu lesen. Ich merkte bald, es erzeugte keine Furcht. Es war schlicht und einfach langweilig. Eine ungeheure Anhäufung von Einzelheiten, ein Potpourri von politischen Aktionen und Akteuren, die im Nachhinein vielleicht geschichtlich bedeutsam waren (oder auch nicht) aber doch weit davon entfernt waren, mir Geschichte verständlich zu machen. Natürlich ist einiges auch spannend, aber immer bleibt es weit von einer erhellenden Geschichtsinterpretation entfernt. Ich legte es wieder weg, nahm es wieder auf und quälte mich irgendwann bis zum Attentat durch und seine unmittelbaren Konsequenzen, um dann bei ungefähr Seite 300 endgültig aufzugeben.
Dann kam der Überfall auf die Ukraine oder man kann auch sagen, die Fortsetzung der Krim-Annexion mit brutaleren Mitteln und damit die Frage an uns, wie stark müssen wir uns engagieren. Und schon geisterte wieder „Die Schlafwandler“ durch die Talkshows und Zeitungskommentare. Trotz unvollständiger eigener Lektüre fragte ich mich von Anfang an, ob die Talker und Kommentatoren und Leitartikler überhaupt wissen, wovon sie reden. Was hat die Situation vor WK1 mit unserer jetzigen Situation zu tun? Fast möchte ich sagen: nichts. Aber doch, es gibt eine einzige Ähnlichkeit: es geht in beiden Fällen anfänglich um ein junges, noch unfertiges Land (Serbien/Ukraine) und vielleicht auch noch um eine unfertige Nation. Aber sonst? Krieg ist schon. Es gibt keine Möglichkeit mehr, ihn zu verhindern. Worum es also geht, ist, ob wir verhindern können, tatsächlich Kriegspartei mit Soldaten und alles was dazu gehört zu werden. Ich lasse dieses Thema für einen späteren Tag beiseite, mich interessiert heute nur, ob wir im Clarkschen Sinne hineinschlafwandeln können. Also das Buch wieder vornehmen, beim kursorischen Weiterlesen feststellen, dass ich weiterhin mit minitiösen Einzelheiten zugeschüttet werde, auch das vorletzte Kapitel „Die letzten Tage“ zeigt keine Verbesserung. Dann aber kam „Schluss“, kein Kapitel, nur das schlicht mit „Schluss“ überschriebene Resümee. Hier versucht Clark nun doch einen gewissen Erkenntnisgewinn zu erlangen, der letztlich darin besteht, dass kein Täter mit rauchendem Colt über der Leiche ermittelt werden konnte bzw. dass alle Akteure mit rauchendem Colt herumgelaufen sind. Eine Erkenntnis, die bereits in vielen Geschichtswerken erlangt wurde (wenn beileibe nicht in jedem), aber leider im Vertrag von Versailles keine Niederschlag gefunden hat. Das wäre eine zivilisatorische Großtat gewesen, die uns bis in unsere Tage einiges erspart hätte.
Aber nun doch noch zum Schlafwandeln. Zunächst bemerkt Clark mehrfach, dass die politischen Rahmenbedingungen heute (2011/12) gänzlich andere sind und die heutigen Akteure eine klarere Vorstellung von den Konsequenzen ihres Handels haben, denn sie wissen, welche Katastrophe heute ein Krieg bedeutet, damals wiegten sich die meisten in dem Glauben, dass der Krieg eine kurze Sache wird.
Und die politischen Akteure nahmen die Wirklichkeit gefiltert durch Narrative und Legenden wahr, die ihnen den Blick auf die Wirklichkeit verstellten. Das ist natürlich heute nicht viel anders. Interessant ist dabei Clarks Einschätzung der russischen Seite, die man wirklich auf die heutige Situation übertragen könnte: „Und die russische Legende wiederholter Demütigungen durch die Mittelmächte hatte eine ähnliche Wirkung, indem sie gleichzeitig die Vergangenheit verzerrte und die Gegenwart verklärten“. Kommt mir irgendwie bekannt vor.
Und nun kommt der letzte Satz des gesamten Werkes „So gesehen waren die Protagonisten von 1914 Schlafwandler – wachsam, aber blind, von Albträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten. “ Das ist der einzige Satz, in dem das Wort Schafwandler im Text auftaucht. Es mag jeder den Satz für sich anders interpretieren, für mich sagt er nicht aus, dass die Akteure von damals in den Krieg „hineingeschlafwandelt“ sind, sie waren aufmerksam, wie halt Schlafwandler sind, es fehlte ihnen nur die Fantasie, die bekanntlich auch Schlafwandler nicht haben, sich vorzustellen, wie groß die Katastrophe ist, wenn Sie einen Schritt weitergehen. Diesen Fantasiemangel dürften unsere heutigen Akteure eigentlich nicht haben, sie wissen, was kommt. Das dürfte zur Hoffnung Anlass geben, obgleich einer von ihnen den Eindruck erwecken möchte, dass ihm diese Konsequenzen gleichgültig sind und uns dadurch in Angst und Schrecken versetzen möchte.