Tagebuch

für mich und wenige andere

«Schützenhilfe«

Schwer verwundet und auch seelisch traumatisiert ist Jonas Kratzenberger gemeinsam mit seiner ukrainisch-russischen Freundin aus dem Krieg zurückgekehrt. Sein Erlebnisbericht («Schützenhilfe« verfasst mit Unterstützung von Fred Sellin, s. auch vorangegangenen Eintrag) zieht keine Schlussfolgerung, keine Bilanz, er bedauert nicht, dass er sich das angetan hat, bricht auch nicht in Hurrageschrei aus, was für ein toller Kerl er gewesen wäre. Er schreibt sich von der Seele, was er erlebt, erfahren, erlitten hat. Betont immer wieder die Froschperspektive, aus der er das Geschehen wahrgenommen hat, fast nie wissend, bestenfalls ahnend, warum das eine oder andere angeordnet wurde. Dass sie als Legionäre immer wieder geschont wurden, zu Langeweile verurteilt schienen, machte ihn wütend. In schwere Kämpfe geriet er erst, als es ihm gelang, regulärer Soldat der ukrainischen Truppen zu werden.

Er sah die Toten in Irpin auf den Straßen, die seine Truppe zu Fuß nach allen Seiten sich absichernd durchquert hatten, versuchte, diese Bilder nicht in sich eindringen zu lassen, was natürlich nicht gelang. Butcha hat er am ersten Tag der Befreiung erlebt und auch nicht erlebt, da er die Straße nur eingequetscht im Auto flüchtig wahrnehmen konnte. Wer also über Butcher einen nicht mediengefärbten Bericht erwartet hat, dürfte enttäuscht sein. Er schildert nur, was er sah, was er sehen konnte, nicht, was ihm erzählt wurde. Er erzählt auch von zwei ukrainischen Verbrechen, das eine vom Hörensagen, das andere als Ohrenzeuge, sodass es kaum anders interpretiert werden konnte. Es soll dazu eine Untersuchung gegeben haben, deren Ergebnisse ihm aber nicht bekannt waren.

Die Ukraine wird sich daran messen lassen müssen, wie konsequent sie diese Fälle aufarbeitet und verfolgt. Eine totale Offenlegung aller bekannten Fälle wird es während des Krieges nicht geben, das verbietet die Logik jedes Krieges. Die Erhaltung der Kampfmoral dürfte in dieser Zeit die höchste Priorität haben und dazu gehört leider Wut, Rache, Hass mit deren unweigerlichen verbrecherischen Konsequenzen. Solange sie nicht auf Befehl erfolgen, bleiben sie Verbrechen, sind keine Kriegsverbrechen. Jedenfalls verstehe ich so den Unterschied. Das soll keine Rechtfertigung sein, sondern eine Erklärung, das Übel liegt in dem Krieg, der keinerlei Rechtfertigung hat.