Einige Bemerkungen zu dem Talk, den Pina Atalay mit Richard David Precht und dem Grünen-Vorsitzenden Felix Banaszak geführt hat. Dieser kann unter diesem Link vorher oder hinterher angehört und angesehen werden.
Manche fragen sich, soll man Precht noch ernst nehmen? Ja, man sollte, denn seine Argumentationsweise ist es wert, näher betrachtet zu werden. Ich fange mit einer genialen Frage Prechts an, die sich dann durch den gesamten Ukraine-Teil des Talks zieht. „Warum macht er (Putin) das (Überfall auf die Ukraine)? Weil er irre und böse ist und Deutschland erobern will? Weil er ein durchgeknallter Imperialist ist, der alles erobern will?“
Diesen Auftakt sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Eine indirekte Frage und alles andere als eine echte Frage. Ein Satz mit einer Unzahl von Unterstellungen: Es gibt da draußen Leute, gemeint sind Politiker, Journalisten, Analysten, und diese sind nicht etwa eine Randgruppe sondern die tragenden Säulen der politischen Meinungsbildung, die davon ausgehen, dass Putin irre und böse ist und die Weltherrschaft anstrebt. Das mag sogar so sein, aber wer redet vom irren Putin? Vom bösen Putin manchmal schon. Aber da die Frage das auch gleich in Frage stellt, ist er, da er sicher nicht irre ist, auch nicht böse.
Aber das war ja nur eine Frage, die gleich alles als unwahr unterstellt, was es in Frage stellt, also: er ist nicht irre, er ist nicht böse, er will Deutschland nicht erobern und schon gar nicht alles, und er ist natürlich kein Imperialist und durchgeknallt schon gar nicht. Ein paar Sätze weiter unterstellt er Banaszak, dass er, Banaszak, dies behauptet habe, dass er „Geschichtsklitterei betreibe“, um die These vom „völlig irren Putin“, der auch Deutschland angreifen will, zu belegen. Moment, wann hat Banaszak vom völlig irren Putin gesprochen? Vom „irren Putin“ hat bislang nur Precht gesprochen. Und nun macht er daraus noch den „völlig irren Putin“ und schiebt es dreist Banaszak in die Schuhe. Irre Hütchenspielerei!
Natürlich findet Precht seine Formulierung so überwältigend, dass er sie mehrfach bemüht und steigert. Precht verurteilt natürlich die Taten Putins, aber die Motive dafür sind nicht der „durchgeknallte Irre, der jetzt auch noch Westeuropa angreifen will und so weiter und so weiter.“ Nun hat er sich zum durchgeknallten Irren gesteigert und es komplett den friedensunwilligen westlichen Regierungen in die Schuhe geschoben. Herrn Banaszak gleich mit. Und das Wort vom „durchgeknallten Wetteroberer“ (war das noch eine Steigerung, ich habe die Übersicht verloren) wird nun laut Precht landauf, landab in den Talkshows verbreitet. Bislang hat es aber nur Precht verbreitet, aber der Strohmann ist nun fertig gebastelt. Und man kann ihn in die Pfanne hauen.
Dieses Spiel mit Worten setzt Precht gekonnt fort. Auf Banaszaks Bemerkung, dass Putin Grenzen verschiebt, um sich Imperien aufzubauen, grätscht Precht dazwischen, „wer denn hier Grenzen verschiebt. Das ist die NATO“, die sich ja sogar, welch Unverschämtheit, auf die ehemaligen Sowjetrepubliken ausgedehnt hat und ausdehnen will. Was bleibt da dem armen Putin anderes übrig, als sich zu fragen, „warum macht man denn das, wenn man nicht irgendwann eines Tages angreifen will?“ Okay, die vertragliche Ausdehnung, Erweiterung eines Bündnisses (Grenzen verschieben?) wird mit dem gewaltsamen Überschreiten von Grenzen gleichgesetzt. Dazu gehört Chuzpe. Oder unterstellt hier Precht schlicht, dass diese Staaten in das Bündnis gezwungen oder mit unanständigen Versprechungen gelockt wurden? Das muss er selbst beantworten.
Aber mein Einwand an diese Passage geht noch weiter. Welche Empathie zeigt Precht hier mit Putin, dass er diesem hochintelligenten, nicht irren Putin nicht auch die Frage zutraut, dass diese Ausdehnung der NATO schlicht und einfach dazu dient, dass er, Putin, sie – diese Staaten – nicht angreift? Aber um Putin diese Frage zuzutrauen, muss er, Precht, schließlich erst mal selbst draufkommen, um sie sich in Putins Hirn vorstellen zu können. Aber da funktioniert wohl einiges nicht bei Precht. Oder es ist die Empathiesperre, die ihn davon abhält.
Mit Empathie hat es sicher auch zu tun, wenn Precht meint, dass es „zunächst mal nicht verwerflich ist. das Land wieder in eine starke Position zu bringen“, also wieder die Kontrolle über die ehemaligen SSRs, einschließlich Ukraine, zu bekommen. „Denn wir wollen das ja auch, dass Deutschland stark ist. Die Amerikaner wollen, dass Amerika stark ist und so weiter.“ Tut mir leid, ich würde es außerordentlich verwerflich finden, wenn Deutschland oder Amerika wieder ein Kolonialreich aufbauen wollten. Also wieder einmal eine Gleichsetzung von Begriffen. Wunsch nach Stärke ist gleichwertig mit Expansionsdrang.
Nun noch eine der typischen Gemeinheiten in Prechts Argumentationsweise. Mal in direkter Rede. Precht: „Ich will nun versuchen mit Ihnen (Banaszak) wieder auf einen grünen Zweig zu kommen, aber ich bin mir nicht sicher ist, dass Sie tief genug in diesem Stoff stecken.“ Ich will hier offenlassen, was das Reden von einem gemeinsamen grünen Zweig mit Leuten mit diametralen Ansichten sein könnte, aber dem anderen in einem konjunktiven Nebensatz die Kompetenz – die natürlich nur er, Precht, hat – in Frage zu stellen, sehe ich als eine Unverschämtheit, man möchte gutbürgerlich sagen: Ungezogenheit an. Aber sehen das alle so? Denken nicht viele, wenn der große Philosoph das sagt oder in Frage stellt, wird es wohl seine Richtigkeit haben und der Makel der Inkompetenz ist über den Gesprächspartner ausgeschüttet?
Abschließend zu den „Sachargumenten“ – mit und ohne Anführungsstriche.
Das beste Argument von Precht gegen einen Drang Russlands nach Westen ist: „Ich meine, wer in 4 Jahren in der Ukraine so gut wie gar nicht vorwärts kommt, hunderttausende seiner Landeskinder verheizt hat, der irgendwann auch ressourcenmäßig völlig am Ende ist, ja, der träumt doch nicht davon. … jetzt auch noch einen Krieg gegen die NATO anzufangen… das ist doch vollkommener Unsinn …“ Der Anfang ist richtig , die Schlussfolgerung ist falsch.
Sollte es zu einem Frieden kommen – vermutlich dann ein Diktatfrieden erpresst durch Trump zu Russlands Gunsten – und die Ukraine in den Einflussbereich Russlands geraten oder, was wahrscheinlicher wäre, wie die sogenannten Volksrepubliken einverleibt wird, ergibt sich folgende Situation: Russland hat während des Krieges die umfangreichste Rüstungsindustrie seit dem Ende des Kalten Krieges aufgebaut – vielleicht sogar darüber hinaus. Zugleich übernimmt es die modernste und schlagkräftigste Armee -mindestens – Europas.
Was tut ein Mann wie Putin oder einer seiner möglichen Nachfolger damit, ob er nun wahnsinnig ist oder nicht? Er setzt diese ungeheure Macht sofort und mit unglaublicher Geschwindigkeit zur Konversion in eine am Boden liegenden zivilen Industrie ein!?
Wer glaubt denn das? Das hätte er schon während seiner 26-jährigen Regierungszeit mit den enormen Einnahmen aus Rohstoffexporten tun können. Warum tat er es nicht? Ich wüsste einige Antworten – aber ich gebe keine und bitte Herrn Precht oder alle, die sich für solche Fragen kompetent und ausgebildet fühlen, sich damit zu beschäftigen. Es wäre eine lohnenswerte Beschäftigung.
Precht stellt zum Schluss noch eine mutige These auf, die es Wert ist, in einem gesonderten Artikel behandelt zu werden, damit die Kritik Prechtscher Argumentation nicht wieder verwässert wird.
Es ist sicher nicht sehr klug, im Titel das Ergebnis vorwegzunehmen, aber ich konnte mich gegen dieses Wortspiel, als es mir plötzlich in den Kopf kam, nicht wehren, und es passt leider nirgendwo anders hin als in den Titel, denke ich. Wenn ich auch glaube, dass ich dieses Wortspiel in diesem Augenblick erfunden habe, vermute ich stark, dass ich keine Urheberrechte geltend machen kann.