Diese Aufzeichnung in Form eines Tagebuchs – was es natürlich nicht ist – wollte ich 2020 beginnen. Über die Anlage dieser Website bin ich damals aber nicht hinausgekommen. Warum ich diese Idee nicht spätestens am 24. Februar 2022 wieder aufgegriffen habe, weiß ich nicht. Ein anderer aber, der ukrainische, russischsprachige Schriftsteller Sergej Gerassimow hat vom ersten Tage des Überfalls ein solches Kriegstagebuch angelegt und es nach knapp zwei Monaten zur Veröffentlichung übergeben. Diese Aufzeichnung haben mich sehr bewegt, mir scheint, vielleicht stärker noch als alles Bild- und Filmmaterial, was ich bislang konsumiert habe (und das ist nicht wenig), stärker noch als die aufwühlenden Berichte unserer unglaublich tapferen Kriegsreporter, wie zum Beispiel Katrin Eigendorf und Paul Ronzheimer.
Warum haben mich diese Aufzeichnung so bewegt? Das werde ich gleich versuchen zu beantworten, aber zuerst möchte ich bekennen, dass diese tagebuchartigen Notizen von Gerassimow mich dazu gedrängt haben, doch wieder meine eigenen Gedanken in dieser Zeit aufzuschreiben. Zu schnell vergisst man, was einem gestern noch als unumstößliche Wahrheit erschien, zu schnell gleitet man ins Immer-schon-gesagt-haben. Also ich verdanke Gerassimow diese Aufzeichnungen und ich möchte sie fortsetzen, bis mir die Luft und Lust dazu ausgeht, sich meine beschränkten Möglichkeiten erschöpft haben.
Zurück zur Frage, warum mich Gerassimows Aufzeichnungen so bewegt haben. Sind sie so mitreißend geschrieben, belagern sie das Gemüt, drücken sie gar auf die Tränendrüsen? Nein, all das nicht! Wenn ich die Tonlage dieser Berichte mit einem Wort bezeichnen soll, fällt mir als erstes das Wort „lakonisch“ ein, vielleicht auch noch das Wort „gelassen“, die gewiss nicht so weit auseinanderliegen. Das ist natürlich eine subjektive Wahrnehmung, ich kann nicht garantieren, dass jeder Leser, das so aufnimmt. Deshalb will ich einige ausführliche Beispiele bringen und diese auch nicht interpretieren, nicht erklären, warum ich sie für repräsentativ für diese Charakterisierung halte. Das sollte nun jeder selbst für sich tun dürfen, falls ich dies hier anderen zu lesen gebe oder es mir selbst in einer anderen Stimmung oder anderen Zeit noch einmal zu Gemüte führen. Vorgeprägt habe ich euch bereits genug. Also einige Zitate:
Ein weinendes großes Kind (!) wurde heute gefangen genommen und verhört. Als der Soldat wütend aufgefordert wird seinen Namen zu nennen, sagt er einfach „Dima“. Dima ist eine verkleinerungs- oder Koseform von Dimitri. Der Name bedeutet „starker Kämpfer“. Ich hoffe der starke Kämpfer wird leben, egal was für ein Narr oder Ungeheuer er ist. S. 33
Aber jemand anderes hatte nicht so viel Glück. Eine Rakete schlug in eine Gruppe geparkter Autos ein. Drei Kinder und zwei Erwachsene, die in einem der Autos saßen, verbrannten. Sie hatten vermutlich versucht, aus der Stadt zu fliehen. Drei Kinder und zwei Erwachsene sind verbrannt. Ich wiederhole es noch einmal: drei Kinder und zwei Erwachsene sind verbrannt. Sie waren wahrscheinlich eine glückliche Familie. Familien, die drei Kinder, ein Auto und eine Wohnung in einem neuen Hochhaus haben, sind meistens glücklich. S. 42
Ich gehe an einem großen Kinderspielplatz vorbei…. Die Sonne scheint hell. Dann höre ich ein lautes „Bang!“, aber keines der Kinder schaut auf. Unsere Instinkte haben uns bereits gelehrt, dass man sich keine Sorgen machen muss, wenn man etwas Lautes hört und ein paar Sekunden später noch am Leben ist. Man hat diesmal Glück gehabt. S. 76
Es wird über Atombombenexplosionen diskutiert.
Dann diskutieren wir darüber, was wir tun können, um unsere Überlebenschancen zu vergrößern. Wir tun das so selbstverständlich, als würden wir über das Wetter oder die Lebensmittelpreise sprechen. Wer hätte sich vor einem Monat ein solches Gespräch vorstellen können S. 144
Die Straßen sind heute generell weniger leer als sonst. Ich erblicke einige Leute mit Kindern. Sie rennen nicht, und sie beeilen sich nicht, sich zu verstecken. Es gibt viel weniger Artilleriefeuer, und diese plötzliche Abwesenheit von Geräuschen erzeugt ein neues Gefühl von Freiheit, Entspannung oder falscher Gelassenheit. S.149
Junge Mütter bringen ihre Babys an die frische Luft; andere führen ihre Hunde an der Leine spazieren. Die Sonne scheint, die Menschen lächeln und kauen Sonnenblumenkerne, während oben am Himmel Raketen fliegen und die Flugabwehr versucht, sie abzuschießen. Das scheint niemanden sonderlich zu kümmern. Wir haben uns an Raketen und Explosionen gewöhnt. Selbst kleine Hunde springen nicht mehr auf und fangen an zu winseln, wenn sie wieder einen lauten Knall hören. S.178
In der Nacht beginnt der Beschuss wieder. Die Russen scheinen entschlossen zu sein, noch mehr Wohngebäude voller schlafender Menschen zu zerstören, aber wir sind es leid vorsichtig zu sein. Wir sind alle unvorsichtig geworden und ein bisschen verrückt. S. 223
Nun zu seinem letzten Eintrag, vom 18 April 2022, ist mit „Angst“ überschrieben. Eine Bombe schlägt in unmittelbarer Nähe seines Hauses ein. Das Haus erzittert und wankt, aber es bleibt stehen.
Wir irren in Panik herum, als es wieder passiert. Wir fangen an, uns gegenseitig anzuschreien. Wir sind hilflos, wir wissen nicht, was wir tun wollen, jetzt sind wir von unserer verrückten Unachtsamkeit geheilt. Endlich sind wir wieder vernünftige Menschen, vernünftig und voller Angst. Die Luft selbst ist voll Angst. Seite 228
Wie ich aus einem Interview entnommen habe, ich glaube, es war in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ), hat er seine Aufzeichnungen fortgesetzt und wird sie demnächst veröffentlichen. In der NZZ hat er bereits ein kleines Update davon im September gegeben. Hier finden wir wieder diese Gelassenheit, die ihn wohl charakterlich so stark auszeichnet, dass die Angsterfahrung sicher nicht aus seinem Bewusstsein verschwunden ist aber vielleicht aus seiner Gemütswelt.
Ich werde sicher noch öfter auf Gerassimows Aufzeichnungen zurückkommen und hoffe sehr, dass nicht nur noch ein dritter Teil folgt sondern auch noch ein Teil, in dem er von Frieden erzählen kann. Und ich hoffe vor allem, dass er noch am Leben ist.